Der Mord auf der Winzenburg – Teil 1
Wer Gewalt sät...

„Südöstlich von der Stadt Alfeld, im Fürstenthume Hildesheim, finden sich auf hohem Berge, von dunklem Walde umschattet, noch unbedeutende Ruinen einer mächtigen Burg. Es war die Winzenburg, wo einst ein hochansehnliches Grafengeschlecht seinen Sitz hatte. Um die Geschichte der Burg, wie des Geschlechts der Grafen von Winzenburg, hatte einst sich ein dichtes Gewebe von Fabeln gezogen, das nun längst zerrissen ist. Wir folgen dem Resultate der neuen Geschichtsforschungen, indem wir die Schicksale der Winzenburg erzählen.“

 Burg Winzenburg

Die Ruine Winzenburg

So beginnt im Jahre 1845 der Aufsatz des Wilhelm Görges über die Winzenburg in
„Vaterländische Geschichten und Denkwürdigkeiten der Vorzeit“, herausgegeben im Verein braunschweigischer und hannoverscher Geschichtskundiger. Aufgrund der romantisierenden Sprache könnte man meinen, die Winzenburg sei Teil einer Märchenwelt gewesen, in der letztendlich immer das Gute siegt. Weit gefehlt! Die Geschichte, die sich dort vor rund 900 Jahren ereignete, ist eingebettet in eine Zeit heftigster Machtkämpfe zwischen Kaiser, Herzögen, Kirche und angesessenem Adel. Mord und Totschlag waren in diesen Kreisen zwar nicht unbedingt Tagesgeschäft, aber doch ein gerne angewandtes Mittel zum Zweck.

Burg Winzenb nah

Mittlerweile zerfällt die Ruine der Winzenburg immer mehr. Die Klosterkammer Hannover, als Besitzerin, geht davon aus, die verbliebenen Reste des alten Gemäuers nicht mehr retten zu können. Ein hoher Maschendrahtzaun soll demnächst Besucher vor eventuell herabstürzenden Gesteinsbrocken schützen. Doch es geht ja nicht um ein architektonisches Denkmal, sondern um die Geschichte dahinter.

Folgen auch wir „dem Resultate der neuen Geschichtsforschungen“, indem wir, neben anderen im Anschluss aufgeführten Quellen, das 1984 vom Max-Planck-Institut für Geschichte, in der 20. Folge herausgegebene Buch „Germania Sacra - Die Bistümer der Kirchenprovinz Mainz – Das Bistum Hildesheim – Die Hildesheimer Bischöfe von 815 -1221(1227), bearbeitet von Hans Götting“ dieser Erzählung zugrunde legen; denn gleich zwei Hildesheimer Bischöfe spielen darin eine wesentliche Rolle.

Im Jahre 1079 wird – als Nachfolger des verstorbenen Bischofs Hezilo – erstmals wieder, seit Bischof Bernward, ein Angehöriger eines bedeutenden sächsischen Adelsgeschlechts auf den Hildesheimer Bischofsstuhl gewählt: Udo von Reinhausen, aus dem Geschlecht der Esikonen, das seit Jahrhunderten im sächsischen Hessengau und später auch im Leinegau ansässig und reich begütert ist. Es ist die Zeit des Salierkaisers Heinrich IV., der hier in der Harzgegend sein „Königsland“ etablieren will, indem er Höhenburgen – wie die Harzburg – errichten läßt und zur Sicherung seiner Macht vermehrt Angehörige schwäbischer Adelsgeschlechter ansiedelt und begütert. Zu denen gehören z. B. die Grafen von Wernigerode, von Blankenburg, Regenstein und Scharzfeld-Lutterberg. Dass diese kaiserliche Strategie bei den altsächsischen Fürsten und Dynasten nicht besonders gut ankommt und 1073 -1075 in die so genannten Sachsenkriege mündet, ist nachvollziehbar. Eine weitere Baustelle hat Heinrich in seinem Verhältnis zu Papst Gregor VII. aufgemacht, der ihn 1076 exkommuniziert und zu dem berühmten Gang nach Canossa zwingt. Eine Erhebung zum römisch-deutschen Kaiser durch diesen Papst kann er vergessen.

So steht Heinrich 1084 – nachdem er 1081 unverrichteter Dinge hat wieder abziehen müssen – erneut mit einem Heer vor Rom, nimmt die Stadt ein, bringt 13 Kardinäle auf seine Seite, beschuldigt Gregor eines „Majestätsverbrechens“, da dieser seinerzeit den Gegenkönig Rudolf von Rheinfelden anerkannt hat, sorgt dafür, dass Gregor exkommuniziert und statt seiner Clemens III. zum Papst erhoben wird und läßt sich dann von diesem zum „unmittelbar von Gott eingesetzten Kaiser“ krönen. So macht man das!
Doch zurück ins Jahr 1079, als Papst Gregor noch alle Fäden der Macht in seiner Hand hält.

Udo von Reinhausen, aus sächsischem Hause, wird also 1079 – an König Heinrich vorbei – von der sächsisch-gregorianischen Partei zum Bischof von Hildesheim gewählt. Dieser Partei und deren Gegenkönig Rudolf von Rheinfelden, hängt er – über dessen Verwundungstod in der Schlacht an der Elster im Jahr 1080 hinaus – immer weniger überzeugt an, bevor er 1085 endgültig ins Lager Heinrichs IV. wechselt. Auslöser dafür ist der Fürstentag in Berka-Gersungen im Januar des Jahres 1085. Hier findet man Bischof Udo zuerst noch unter den sächsischen Unterhändlern, doch schon bald werden er, sein Bruder Konrad sowie sein mütterlicher Verwandter, Dietrich von Katlenburg, als Verräter beschimpft und tätlich angegriffen. Dietrich von Katlenburg wird erschlagen, Bischof Udo und Konrad von Reinhausen können fliehen. Es liegt auf der Hand, dass der Bischof von Hildesheim und sein Bruder Konrad keine gute Meinung mehr von der sächsischen Opposition haben und ins kaiserliche Lager wechseln. Beide werden auch nicht müde, andere sächsische Adelige zum Übertritt zu bewegen. Konrad fällt 1089 für die kaiserliche Sache.

Bischof Udo von Hildesheim hat außer seinem Bruder Konrad noch weitere Geschwister: Heinrich, Beatrix, Richenza und Mathilde. Von Beatrix, die 1079 bereits verwitwet ist, weiß man durch einen Brief an ihren Bruder, den Bischof von Hildesheim, Richenza wird von Gerold von Immenhausen entführt und geheiratet, Mathilde heiratet einen Grafen von Formbach aus Bayern.
Der Chronist, dem wir diese Familienaufstellung verdanken, ist Reinhard, der erste Abt des Benediktinerklosters Reinhausen. Kurz vor seinem Tod – 1156 – hat er sie niedergeschrieben. Eine frühere Stiftung für vier Kanoniker, die durch Mathilde von Reinhausen und ihre drei Brüder, deren Namen der Abt hier nicht nennt, ist 1111 von einem Grafen Hermann in das genannte Benediktinerkloster umgewidmet worden. Reinhard sieht in diesem Grafen Hermann einen weiteren Bruder der vorgenannten Geschwister.

Mit Zustimmung Graf Hermanns, ihres Vormunds, verhilft Bischof Udo den Töchtern seines verstorbenen Bruders Heinrich, zu einer kirchlichen Karriere: Ailika wird Äbtissin des Reichsstifts Ringelheim, Adelheid Äbtissin des Klosters Steterburg. Heinrichs Söhne, Meinhard und Pilgrim, werden vor 1103 auf einem Hoftag in Würzburg ermordet und im Kloster Reinhausen beigesetzt.

Jetzt bleibt nur noch Hermann als einziger weltlicher Verwalter des Erbes der Grafen von Reinhausen übrig. Ist dieser Hermann, der sich ab 1109 Graf von Winzenburg nennt und die Burganlage zwischen Lamspringe und Freden durch eine Vorburg erweitert, die noch 1522 „ der Baierberg“ genannt wird, wirklich ein Bruder Bischof Udos, ist er ein auf der bayerischen Burg Windberg geborener Sohn von Udos Schwester Mathilde von Formbach oder eher deren Ehemann, Hermann von Formbach, Graf von Windberg und Ratelnberg? An dieser Frage scheiden sich die genealogischen Geister. Für den Fortgang unserer Geschichte entscheiden wir uns dafür, in Hermann I. von Winzenburg den Schwager Bischof Udos zu sehen, der mit der Winzenburg vom Hochstift Hildesheim belehnt wird, die Udo diesem wahrscheinlich, als ursprüngliches Allod (Eigentum) der Esikonen, eingebracht hat. Fest steht, dass Bischof Udo in der Winzenburg eine Absicherung seines Bistums nach Süden sieht.

Hermann I. von Winzenburg-Ratelnberg ist ein bedeutender Mann in der Reichspolitik.
1083 sind er und sein Bruder Ulrich von Windberg und Ratelnberg als Vögte bei der Stiftung der Abtei Göttweih (bei Krems) durch Bischof Altmann von Passau anwesend.
Er ist – anders als sein bischöflicher Schwager Udo, der ein treuer Anhänger Heinrichs IV. ist – ein enger Vertrauter des gegen den Vater rebellierenden Sohnes. Im Dezember 1104 stürzt der Salier Heinrich V. seinen kaiserlichen Vater und setzt ihn in Ingelheim gefangen. Damit hat er sich durch den Bruch des Treueides an einem regierenden König eines schweren Vergehens schuldig gemacht, schafft es jedoch, von Papst Paschalis II., der im Gegensatz zu seinen beiden Vorgängern wieder die Ansichten Papst Gregors VII. vertritt, nicht nur Absolution zu erlangen, sondern sich auch dessen Unterstützung zu sichern, indem er verspricht, ein gerechter König und ein treuer Gefolgsmann der Kirche zu sein.
Alle seinerzeit von Heinrich IV. eingesetzten Bischöfe in Sachsen werden ihrer Ämter enthoben. So auch Udo von Hildesheim, obwohl er von der sächsisch-gregorianischen Partei auf den Bischofsstuhl gesetzt worden ist. Durch die sicherlich erfolgte Fürsprache Hermanns von Winzenburg und des Domkapitels, gibt der Erzbischof von Mainz Udo bald schon die Insignien eines Bischofs von Hildesheim zurück, die er bis zu seinem Tod am 19. Oktober 1114 trägt.

Hermann von Winzenburg wird von Heinrich V. zum ersten Markgrafen von Thüringen ernannt und ist 1109 unter den Gesandten Heinrichs, um in Rom mit Papst Paschalis II. über das Recht zur Investitur von Bischöfen und Reichsäbten durch den König zu verhandeln, und sicherlich ist er auch anwesend, als der Papst, den Heinrich zuvor gefangen- und unter Druck gesetzt hat, denselben am 12. April 1111 in Rom zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches krönt. Als Paschalis 1112 wegen des immer noch schwelenden Investiturstreits den Bann über den Kaiser ausspricht, ist davon auch Hermann von Winzenburg mittelbar betroffen. Er fällt letztendlich vom Kaiser ab und schließt sich dem Mainzer Erzbischof Adalbert von Saarbrücken an, der zu einem erbitterten Gegner Heinrichs V. geworden ist. Erst 1120 versöhnt sich Kaiser Heinrich in Goslar mit den großen sächsischen Fürsten – unter ihnen auch Hermann I. von Winzenburg. Hermann stirbt 1222 in seiner bayerischen Heimat, wohin er sich zurück gezogen hat.
Graf Hermann I. von Winzenburg hinterlässt aus seiner Ehe mit Mathilde von Reinhausen die Kinder Konrad und Mathilde, die sich mit Udo IV. von Stade vermählt. Ob auch Hermann II. von Winzenburg aus dieser Ehe stammt, ist nicht eindeutig, aber wahrscheinlich, da er das Winzenburger Erbe antritt. Hermann wird 1111/1112 noch als „puer“ bezeichnet, war zu diesem Zeitpunkt also noch nicht mündig. Aus einer zweiten Ehe Hermanns mit Hedwig von Wöltingerode-Assel stammen die Kinder Heinrich von Assel, Sophia, Ehefrau des Askaniers Albrecht der Bär und die Äbtissin von Heerse und Quedlinburg, Beatrix von Assel.

Nach dem Tod des Vaters tritt Hermann II. von Winzenburg dessen Erbe an.
Man hört jedoch schon früher von ihm. Am 2. Februar 1121 bringen er (oder ist es vielleicht doch noch Hermann I. von Winzenburg?)und Herzog Lothar von Süpplinburg den Onkel (oder Bruder?) und „nepos“ Diedrich, Bischof von Münster, in Begleitung eines starken Heeres zurück in die Stadt, aus der dieser um Weihnachten 1119 vor dem – ihm nicht gerade wohlgesonnenen – Kaiser Heinrich V. geflohen ist. Lothar nutzt die Gunst der Stunde zu einer Machtdemonstration gegen den Kaiser, zumal seine Mutter, Hedwig von Formbach, eine Verwandte der Winzenburger ist. Die Aktion der Wiedereinsetzung des Bischofs hat für die Stadt Münster fatale Folgen: sie fällt einer verheerenden Feuersbrunst zum Opfer. Da auch der Dom ein Raub der Flammen wird, spenden die – vielleicht unabsichtlichen – Verursacher der Tragödie anschließend viel Geld für den Wiederaufbau. Nichtsdestotrotz werden die Edelfreien und Ministerialen von Herzog Lothar gefangen genommen und weggeführt.

Als der letzte sächsische Herzog aus dem Geschlecht der Billunger, Magnus, 1106 erbenlos verstorben ist, hat König Heinrich V. den Brunonen Lothar von Süpplinburg zum Herzog von Sachsen ernannt. Er hat nicht geahnt, dass sich Lothar zu seinem größten Gegenspieler entwicklen wird und letztlich auch zu seinem Nachfolger auf dem Königs- und Kaiserthron.

Hermann II. von Winzenburg hat nach dem gemeinsamen Ausflug nach Münster keine größeren Berührungspunkte mehr mit Lothar von Süpplinburg, auch nicht, als Lothar 1225, nach dem Tod Heinrichs V., von der Fürstenversammlung zum König gewählt wird. Regelrecht zum Feind macht er sich ihn, als er im Mai 1130 Burchard von Loccum, Graf von Friesland von seinen Leuten auf einen Friedhof locken und erschlagen lässt. Burchard wird in damaligen Aufzeichnungen als „amicus regis“ (Freund des Königs) oder als dessen „consiliarius“ (Berater) bezeichnet.

Auslöser der Bluttat soll die kund getane Absicht Burchards gewesen sein, eine Burg zu bauen. Es wird vermutet, dass es sich hier um den Bau der Hallerburg im Deister handelt, den die Loccumer Grafen nach dem Tod Burchards auch realisieren. Bereits die Söhne Wilbrands I. von Loccum, dem Gründungsinitiator des gleichnamigen Klosters – Ludolf und Wilbrand – bezeichnen sich als Grafen von Hallermunt. Hermann von Winzenburg hat sicherlich in dem geplanten Burgbau eines engen Vertrauten König Lothars eine Beeinträchtigung seiner ererbten Machtkompetenz im Leinegau gesehen – ein Beweis dafür, dass die Beziehung zu Lothar nicht erst seit Burchards Ermordung getrübt ist.

Der König lässt sich die Gelegenheit nicht entgehen, einen unliebsamen und dazu mächtigen Regionalfürsten in die Schranken zu weisen. Er rächt wahrscheinlich nur in zweiter Linie den Mord an seinem Gefolgsmann. In erster Linie schafft er Fakten, indem er im November / Dezember 1130 die Winzenburg zuerst belagert und dann vollständig zerstört. Nutznießer ist der neu erwählte Bischof Bernhard I. von Hildesheim. In dessen Hand vergibt Lothar den Wiederaufbau der Burg.
Hermann von Winzenburg hingegen unterwirft sich am 31. Dezember des Jahres in Goslar dem König. Nach Fürstenurteil werden ihm alle Reichslehen entzogen. Auch die Markgrafenwürde von Thüringen, die er 1122 von seinem Vater ererbt hat, wird ihm aberkannt. Er selbst wird auf die Blankenburg im Harz gebracht und dort gefangen gesetzt.

Fortsetzung zum 2. Teil

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