Mord auf der Winzenburg – Teil 2
... wird Gewalt ernten

Die Gefangenschaft Graf Hermanns II. auf der Blankenburg kann nicht lange gedauert haben, denn schon am 5. August 1134 finden wir Hermannus comes de Vincellenburg als Zeuge einer Beurkundung Brunos II., Erzbischof von Köln, wieder, in der dieser die Neugründung der Abtei Knechtsteden bestätigt. Vogt der Abtei ist Gerhard II. von Hochstaden, dessen Tochter Adelheid verheiratet ist mit Otto von Are, Enkel der Sophie von Formbach, einer Schwester Hermanns I. von Winzenburg. Otto stammt aus Sophies zweiter, diplomatisch nicht belegten, aber überaus wahrscheinlichen Ehe mit Stephan II. von Sponheim.

Erst als Lothar – seit dem 4. April 1133 Kaiser des Heiligen Römischen Reiches – im Dezember 1137 in Tirol stirbt, kann Hermann von Winzenburg sich wieder Hoffnung auf eine angesehene Stellung im Reich machen. Als Nachfolger Lothars steht Konrad, Sohn Herzog Friedrichs I. von Schwaben und der Tochter des Salierkaisers Heinrich IV., Agnes, schon seit Jahren in den Startlöchern, doch ist es ihm nie gelungen, Lothar vom Thron zu stoßen und ihn als Herrscher zu beerben. Jetzt – nach Lothars Tod – könnte ihm nur der mächtige Bayernherzog Heinrich der Stolze, der mit Lothars Tochter Gertrud verheiratet ist – einen Strich durch die Rechnung machen. Der jedoch wird mithilfe kirchlicher Amtsträger, bis hinauf zu Papst Innozenz II., sowie einiger oppositioneller Fürsten bei der Königswahl übergangen. Konrad wird König. Um den Welfen Heinrich ein für allemal loszuwerden, entzieht Konrad ihm die Herzogwürde, sowohl von Sachsen als auch von Bayern und spricht den Bann über ihn aus. Zum Herzog von Sachsen wird der Askanier Albrecht der Bär ernannt, Herzog von Bayern wird der Halbbruder des Königs, Leopold IV. von Babenberg. Nach dem Tod Herzog Friedrichs I. von Schwaben hat dessen Witwe Agnes den Babenberger Leopold II. (Der Heilige) von Österreich geheiratet.

Leopold IV. verstirbt jedoch bald. Ihn beerbt sein älterer Bruder, Heinrich Jasomirgott, der 1142 die Witwe Heinrichs des Stolzen von Bayern heiratet, die Mutter Heinrichs des Löwen, der die Staufer schon bald das Fürchten lehren wird. Durch diese Heirat soll der Kampf um die bayerische Herzogwürde zwischen Welfen und Babenbergern, bzw. Staufern beendet werden. Gertrud stirbt aber schon 1143 im Kindbett, so dass die alten Gräben wieder aufreissen.

Hermann von Winzenburg ist aufs engste mit den Staufern verbunden. Er hat eine Halbschwester König Konrads III., Elisabeth von Babenberg, geheiratet und nutzt seinen guten Draht zur Reichsspitze, um sich wieder zu etablieren. Auf dem großen Reichstag zu Goslar, Weihnachten
1138/1139, werden Hermann die großen Reichslehen des letzten Northeimer Grafen, Siegfried IV. von Bomeneburg zugesprochen. Siegfried ist der Gründer des Klosters Amelungsborn und der Erbauer der Homburg bei Stadtoldendorf. Als er am 27. April 1144 stirbt, kauft Hermann von Winzenburg von dessen Erben, der Tochter Guda sowie den Geschwistern Heinrich, Abt von Corvey und Judith, Äbtissin des Klosters Kemnade, den Nachlass auf – und der ist gewaltig. Auch die Vogtei über die Reichsabtei Corvey und die Homburg sind ihm aus dem Erbe Siegfrieds von Bomeneburg zugefallen. Seinen Bruder, Heinrich von Assel, verheiratet Hermann mit der Witwe Siegfrieds, Richardis.
Hermann bringt die Burg Plesse bei Göttingen in seinen Besitz und kann so, zusammen mit der bereits um 1122 von ihm gebauten Burg Schöneberg bei Hofgeismar seinen ererbten esikonischen Besitz im sächsischen Hessengau am östlichen und westlichen Rand schützen.

Hermann von Winzenburg ist wieder da!

BLICK VON vORBURG

Blick von der Vorburg, dem „Baierberg“ in Richtung Alfeld

Nur eines gelingt ihm nicht – die Wiederbelehnung mit der neu errichteten Winzenburg
durchzusetzen. Sehr zur Freude Bischof Bernhards I. von Hildesheim hat Papst Innozenz II. ein Verbot zur Wiederbelehnung ausgesprochen, um das neugegründete Benediktinerkloster in Lamspringe vor eventuellen Übergriffen zu naher weltlicher Nachbarn zu schützen. Doch die Zeit arbeitet für Hermann.

Um die staufische Machtposition in Sachsen zu sichern, setzt König Konrad III. seinen Halbbruder Konrad von Babenberg als Dompropst in Hildesheim ein. Weitere Pfeiler staufischer Macht sind der Hildesheimer Subdiakon und spätere Erzbischof von Köln und Reichskanzler Rainald von Dassel, sowie Hermann von Winzenburg und sein Bruder Heinrich von Assel. In den kaiserlichen Diplomen wird Hermann bereits 1143 wieder als Graf von Winzenburg bezeichnet – nicht so in den Urkunden des Hochstifts Hildesheim. Als 1142 in der Stephanskirche zu Goslar alle Vasallen des Hochstifts versammelt sind, um die Übertragung einer Mühle in Dorstadt an das Stift Heinigen durch Bischof Bernhard I. zu bezeugen, heißt es nur: Hermannus comes (Graf). Hermann kommt auch nicht weiter, als er 1143, zusammen mit seinem Bruder Heinrich, der dem Hochstift gehörenden curia Derneburg ein Allod (Eigentum) zur Gründung eines Augustinerchorherrenstiftes überträgt. Die Brüder erbitten sich die Vogteirechte darüber als bischöfliches Lehen.

Hermanns Ehefrau, Elisabeth von Babenberg, ist um diese Zeit wohl schon verstorben – im Kindbett, wie viele Genealogen meinen. Danach muss Hermann sich wiederverheiratet haben. Diese Ehe wird wegen zu naher Verwandtschaft geschieden, wie die Vorkommnisse auf einer Synode des Mainzer Erzbischofs Heinrich I. im Frühjahr 1148 in Erfurth zeigen. Aufgrund von Hermanns Wiederverheiratung mit Luitgard von Stade, der geschiedenen Ehefrau Friedrichs von Sommerschenburg und Witwe des Dänenkönigs Erich Lam, Tochter des am 7. Dezember 1121 erschlagenen Rudolf von Stade und der Richardis von Sponheim, bemängelt Bischof Bernhard von Hildesheim, als zuständiger Diözesanbischof, dass Hermann von Winzenburg, wegen der Eheschließung mit seiner, nun von ihm geschiedenen Frau, bisher keine Buße geleistet habe. Die Synode beschließt daraufhin, Hermann auf den 16. Mai nach Mainz vorzuladen.

Das Verhältnis zwischen Bischof Bernhard I. von Hildesheim und den Staufern wird immer frostiger. 1146 sieht man den Bischof zum letzten Mal am Hofe des Königs. Bernhard brüskiert Konrad III. regelrecht, als er den welfisch orientierten Gerhard von Riechenberg als Archidiakon in Goslar einsetzt. Dieses Amt hätte dem Hildesheimer Dompropst – also dem königlichen Bruder, Konrad von Babenberg – zugestanden. Dieser wird dann aber 1147 zum Bischof von Passau gewählt. Sein Nachfolger in Hildesheim ist der staufertreue Rainald von Dassel.

Im Zusammenschluss mit ihm, dem Abt von Corvey – Wibald von Stablo – sowie mit seinem erzbischöflichen Schwager Hartwig von Stade in Bremen und nicht zuletzt durch die Unterstützung König Konrads selbst, kann Hermann von Winzenburg auf dem Hoftag in Fulda die Wiederbelehnung mit der Winzenburg durchsetzen. Am 8. Mai 1150 wird die Belehnung in Hildesheim beurkundet. Der Unwille Bischof Bernhards ist im Urkundentext durchaus spürbar: er betont, dass er die von seinen beiden Vorgängern und ihm selbst an den Grafen Hermann verlehnte und diesem von König Lothar entzogene Winzenburg gern im freien Besitz seiner Kirche gesehen hätte, dass er aber dem unablässigen Drängen des Grafen, wie auch des Königs und der Fürsten, nicht hätte widerstehen können.

Bischof Bernhard lässt sich diese Belehnung fürstlich belohnen:
Graf Hermann und seine Frau Luitgard überschreiben der Hildesheimer Kirche die Homburg mit 200 Hufen und empfangen sie als Lehen zurück. Mit dem Marienreliquiar aus dem Hildesheimer Dom nimmt Bernhard einen Tag und eine Nacht Besitz von der Homburg und lässt sich von den Burgmannen – hier wird es sich um die Brüder Berthold und Bodo von Homburg handeln – die Rückgabe der Burg im Falle des erbenlosen Todes des Winzenburger Grafenpaares beschwören.
Desgleichen geschieht für die Winzenburg im Kloster Lamspringe.
Der Vertrag beinhaltet auch ein Verbot der Weiterverlehnung und die Offenhaltung beider Burgen für den Bischof.

Der erbenlose Tod des Grafenpaares bleibt Bischof Bernhards einzige Hoffnung, den unumschränkten Zugriff auf die Winzenburg zurück zu erobern. Noch hat Hermann von Winzenburg nur Töchter, als aber Luitgard 1151 erneut schwanger wird, steigt die Gefahr, dass ein Erbe diese bischöflichen Gedanken zunichte macht. Man kann nur vermuten, dass der Bischof in die Verschwörung einiger Ministerialen des Hochstifts involviert ist, die eine endgültige Lösung des ärgerlichen Winzenburg-Problems planen. Offiziell jedoch weiß er gar nichts.

In der frostigen Winternacht vom 29. auf den 30. Januar des Jahres 1152 verschafft sich ein Ritter (miles) Bernhardus Zugang zur Winzenburg. Heinrich von Bodenburg, ein Sohn des hochstiftlichen Vasallen Meinfried und Ehemann von Bischof Bernhards Nichte Eveza soll ebenfalls dabei gewesen sein. Die Eindringlinge finden Hermann und Liutgard ahnungslos schlafend in der Kemenate. Sie haben leichtes Spiel. Der frühe Morgen sieht das Grafenpaar und ihr ungeborenes Kind ermordet
in ihrem Blut liegen. Ob die Attentäter noch am Ort ihres perfiden Anschlags überwältigt werden oder ob man sie erst später gefangen nimmt, entzieht sich unserer Kenntnis.

Das gemeine Volk glaubt schnell, den Initiator des feigen Mordes zu kennen, frei nach dem Motto: cui bono – wem nützt es. Die „Hödeken (Hütchen)-Sage“ weiß folgendes zu berichten:
Der Burggeist der Winzenburg, ein Zwerg mit rotem Hut, ist noch in derselben Nacht über den Rennstieg nach Hildesheim geeilt und hat den blinden Bischof mit den Worten geweckt:
„Plattner (einer der eine Tonsur trägt)sta up, de Winzenborch is los!“

Der Rennstieg

Während miles Bernhardus wegen Mordes 1153 in Köln hingerichtet wird, versucht sich Heinrich von Bodenburg durch ein in einem Zweikampf herbeigeführtes Gottesurteil rein zu waschen. Er unterliegt. Der schwer Verwundete findet Aufnahme im Augustinerchorherrenstift in Neuwerk bei Halle, dessen Propst ein Bruder Bischof Bernhards von Hildesheim ist. Es ist und bleibt so: die Kleinen henkt man, die Großen lässt man laufen.

Für die Staufer ist der Tod Hermanns von Winzenburg ein schwerer Schlag. Der Welfe Heinrich der Löwe kappt ihre Machtstellung in Sachsen, indem er – als Verwandter Siegfrieds von Bomenenburg – sofort Anspruch auf das Erbe erhebt, das Hermann von Winzenburg seinerzeit aus dessen Nachlass gekauft hat. Mit der Homburg und den mainzischen Lehen des letzten Northeimers klappt das auch tatsächlich, während die Winzenburg unverlehnt im Besitz des Hochstifts Hildesheim verbleibt. Auch in späteren Jahrhunderten wird man auf der langen Liste der Lehnsnehmer nie wieder jemanden finden, der zur Gefahr für die Hildesheimer Kirche hätte werden können.

Elke Diekenbrock-Nikelsky

Literatur und Quellen:
Germania Sacra –
Die Hildesheimer Bischöfe von 815 -1221(1227), Bearbeitung: Hans Götting
Edmund Freiherr von Uslar-Gleichen „Geschichte der Grafen von Winzenburg“, Hannover 1895
Regesta Imperii IV, 1,1 Lothar III.
Theo. Jos. Lacomblet: Urkundenbuch für die Geschichte des Niederrheins..., 1840, Urk. Nr. 319
LWL-online, Ereignis des Monats, Wolfgang Bockhorst: 2. Febr. 1221 – Münster brennt!
Wikipedia

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