Kein anderer Hildesheimer Bischof – nicht der feinsinnige Bernward, nicht der asketische Godehard – wird Jahr für Jahr mit so großem Tschingderassabum gefeiert wie Bischof Gerhard, der „Held von Dinklar“.Gerhard_von_Berg

 

 

Im Jahre 1367 war's, als er zusammen mit seinen braven, aber in Kriegshändeln völlig unbedarften Hildesheimer Mannen, das erprobte Ritterheer des braunschweigischen Herzogs Magnus I. und seiner hohen Verbündeten in der berühmten Schlacht von Dinklar in die Flucht schlug. Diesen grandiosen Sieg feiern die Nachfahren der jungen Haudegen, die sich in der Hildesheimer Schützengesellschaft von 1367 zusammengefunden haben, heute noch mit einem großen Schützenfest und fühlen sich dem jeweiligen Bischof von Hildesheim besonders eng verbunden.

 

Soweit – so gut.

 

Doch es droht Ungemach. Im Hessischen Staatsarchiv Marburg schlummert seit Jahrhunderten ein brisantes Dokument aus dem Jahre 1390, das beweist, dass jener Bischof Gerhard seinerzeit eine zarte, unschuldige Frau zu Gunsten des Bistums um ihr rechtmäßiges Erbe geprellt hat. Dass Gerhard von Berg ein gewieftes Schlitzohr war, hatte er bereits vor dem Dinklarer Husarenstreich unter Beweis gestellt, als er mit der Schutzpatronin des Domes einen Deal einfädelte. „Schieb nach, Maria!“ soll er seinerzeit die Mutter Gottes angerufen haben, „Wo ich gewinne, will ich dein Haus mit einem goldenen Dache decken lassen, wenn ich aber verliere, wirst du nicht einmal ein Strohdach behalten.“ Und während der Schlacht hatte er mit dem größten Heiligtum des Domes, einem von Ludwig dem Frommen gestifteten Reliquiengefäß, buchstäblich auch noch ein Ass im Ärmel; denn als seine Männer zu verzagen drohten, rief er ihnen zu: „Liebe Kerle, trauert nicht! Hier habe ich noch tausend Mann in meinem Ärmel!“, und die lieben Kerle kämpften, was das Zeug hielt.

 

 

1383 war Graf Gerhard von Wohldenberg gestorben, Wohld02als letzter männlicher Vertreter des ehemals großen Adelsgeschlechtes im westlichen und nördlichen Harzvorland. Dieser Umstand kam Bischof Gerhard sehr gelegen, um das Vermögen des Bistums auf einen Schlag um ein Erkleckliches zu mehren; denn die Wohldenberger waren keineswegs verarmt, wie das in späteren Geschichtsklitterungen immer wieder kolportiert wurde.Wohld01 Während der Zeit ihres ersten nachweisbaren Auftauchens 1108 – noch als Edle von Wöltingerode – bis zu ihrem Aussterben im Mannesstamm 1383 besaßen die Wohldenberger neben zahlreichen Lehen, einen Allodialbesitz (Eigengut) von 800 Hufen, das sind rund 24.000 Morgen – wesentlich mehr, als vergleichbare Adelsgeschlechter der Zeit aufzuweisen hatten (Quelle: Wolfgang Petke: Die Grafen von Wöltingerode –Wohldenberg).

Die Lehen fielen nach dem Tod eines Lehensnehmers ohne Erben natürlich wieder an den Lehnsherrn zurück, neben dem Reich waren das bei den Wohldenbergern vorrangig das Reichsstift Gandersheim und auch das Stift Hildesheim. Bischof Gerhard nutzte die Gunst der Stunde und nahm nicht nur die Lehen des Bistums wieder an sich, sondern gleich das gesamte Wohldenberger Erbe, einschließlich der Reichslehen, was er sich am 29. Juni des Jahres 1384 schnellstens von König Wenzel aufgrund einer wohl nicht mehr so ganz aktuellen Lehensliste bestätigen ließ. Die Burg auf dem Wohldenberg war dem Bistum sowieso schon 1275 überschrieben worden und zwei seiner Vorgänger im Bischofsamt – die Wohldenberger Heinrich II. und Otto II. , sowie zahlreiche Domherren aus dem Grafengeschlecht hatten schon so einiges aus dem großen Wohldenberger Besitz dem Stift und Bistum Hildesheim zukommen lassen.

 

 

Kein Hahn hätte weiter danach gekräht, wäre da nicht doch noch jemand gewesen, der den Nachlass des Grafen Gerhard als rechtmäßiges Erbe für sich beanspruchte: Jutta von Wohldenberg, einziges Kind des Grafen Johannes IV., der 1352 – kurz vor seinem Tod – seine Vasallen anwies, nunmehr seinem jüngeren Bruder Gerhard zu folgen. Auch seine Gandersheimer Lehen wurden 1652 auf Gerhard übertragen (Quelle: Wolfgang Petke: Die Grafen von Wöltingerode-Wohldenberg).Wohld04

 

 

Jetzt – 1383 – gab es nur noch Jutta, ein Weibsbild, eine Tochter Evas!

Die war mittlerweile mit dem Edlen Burchard von Schöneberg verheiratet und lebte mit ihrem Mann und zwei Söhnen auf der Trendelburg in Nordhessen. Der Schöneberger hatte die Wohldenbergerin sicherlich nicht geheiratet, weil sie eine arme mittellose Waise war und ihn dauerte, sondern weil sie mit Sicherheit ein ansehnliches Erbe in die Ehe einbrachte, das nun, nach dem Tod des Onkels, noch um ein Vielfaches hätte aufgestockt werden können. Allerdings hatte der dreiste Hildesheimer Bischof dem erst einmal einen Riegel vorgeschoben.Trendelburg_Ansicht

 

Also klagte Burchard von Schöneberg als Vormund seiner Gemahlin, der nächsten ebenbürtigen Verwandten des verstorbenen Grafen Gerhard von Wohldenberg, und als Vormund seiner beiden Söhne gegen Gerhard von Berg, Bischof von Hildesheim, auf Herausgabe des gesamten Wohldenberger Erbes. Für den Schöneberger sollte Wedekind von Falkenberg, Richter der Diözese Paderborn, Recht sprechen, für die Gegenseite der Goslarer Bürgermeister Hans Kissenbrück. Sollten beide Richter zu unterschiedlichen Beurteilungen des Falles kommen, würde der Ritter Konrad von Steinberg aus Bodenwerder (Diözese Minden) als Schiedsperson herangezogen werden.

 

Am 10. November 1390 verlas der Laie Detlev von Einbeck in der Halle von Burg Herstelle an der Weser den Urteilsspruch des Wedekind von Falkenberg vor den Zeugen Henrico de Homburg, Adolfo de Holte, Burghardo Busch, Gerhardo de Waleberge militibus, Henrico de Osen, Hartungo de Fryncken, Henrico de Gustede, Hermanno de Ymteshusen, Eyr de Kalenberghe und Knechten der Diözesen Hildesheim, Paderborn und Minden.

 

Von Falkenberg erkannte für Recht, dass Jutta von Schöneberg das Wohldenberger „vrygud, egenghud, ligende ghud, pachtghud, redeghud, weddeschat, wigbildeghud, varende have, egenlude“ und alles übrige, was der Graf hinterlassen, geerbt hätte. Der Bischof habe Unrecht getan, indem er sich diese Güter angeeignet hätte und solle sie zurückgeben.

Gehören Mannlehen zum Erbe, soll über sie vor zuständigen Gerichten verhandelt werden und sollen sie den Söhnen Juttas möglichenfalls übertragen werden. Zinsbücher, Lehenbücher oder welche Bücher auch immer, soll der Bischof zurückgeben, sofern Burchard welche benennen kann. Er spricht Burchard von Schöneberg als Vormund seiner Gemahlin das gesamte Erbe zu, ohne dass dieser dessen Teile einzeln benennen müsse.“

Von Falkenberg siegelt, der anwesende Notar Johannes von Isenhausen unterschreibt.

Geschehen am 10. November 1390, an sente Mertins avende, up dem hus und der burgk, dat genant is Herstelle, Paderburne bischopdoms.

(Quelle: Wolfgang Petke: Die Grafen von Wöltingerode-Wohldenberg, Druck und Insert im Auszug: H. B. Wenck, Hessische Landesgeschichte 2, 2 Frankfurt 1797)

 

Nach der Verlesung des Urteils wurde der Notar Johannes von Isenhausen beauftragt, die Urkunde noch vor dem 13. Dezember dem Schiedsmann Konrad von Steinberg vorzulegen.

Am 12. Dezember 1390 erschienen der Notar und die eigens berufenen Zeugen Johann Rusche, Conrad von Ystorp und Heinrich von Haldesen, clerici Moguntini und der Diözese Paderborn, im Rathaus des Ortes Bodenwerder. Doch Konrad von Steinberg weigerte sich, das Dokument mit dem Urteilsspruch entgegen zu nehmen – er wolle kein Schiedsmann mehr sein.

Auf die Frage, ob er denn einen Schiedsspruch desBeauftragten des Hildesheimer Bischofs Hans von Kissenbrück empfangen hätte, antwortete er mit „Nein“. Daraufhin las ihm der Notar im Beisein der genannten Zeugen den Wortlaut des vom Falkenberger als Recht erkannten Schiedspruches vor.

 

Es ist durch nichts zu beweisen, dass Konrad von Steinberg aus Bodenwerder von einflussreichen Personen der Diözese Minden in irgendeiner Weise unter Druck gesetzt worden wäre. Bemerkt sei hier aber, dass die Familie von Berg bei Minden ihren Sitz hatte und bis 1397 die Vogteirechte des Bistums Minden wahrnahm.

 

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt!

 

Tatsache ist, dass die Erbschaftsklage des Burchard von Schöneberg wohl im Sande verlaufen ist.

Juttas Sohn Konrad wurde Kleriker und mit ihrem Sohn Heinrich starb auch das Geschlecht der Schöneberger im Mannesstamm aus. Aber Heinrich hatte eine Tochter, die Edle Jutta von Schöneberg, und die ist die Ahnfrau einer großen Reihe von Nachkommen, unter denen bestimmt auch heute noch die rechtmäßigen Erben des Wohldenberger Besitzes ausfindig zu machen wären,

wenn – ja, wenn die ganze Chose nach über 600 Jahren nicht vielleicht doch schon als verjährt gilt.

 

Das Bistum Hildesheim kann aufatmen, der sonntägliche Klingelbeutel und auch das unrechtmäßig erworbene Gut bleiben unangetastet – und der Kerker oben auf der Burg Wohldenberg leer.

Wohld03

Elke Diekenbrock-Nikelsky

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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